das ist meine Heimat. In Hamburg, da bin ich zu Haus. Der Hafen, die Lichter, die Sehnsucht begleiten das Schiff in die Ferne hinaus. Das Herz von St. Pauli, das ruft dich zurück. Denn dort an der Elbe, da wartet dein Glück.“
Wenn kurz vor Anpfiff fast 30.000 Menschen im Millerntor-Stadion gemeinsam das Lied von Hans Albers singen, dann bekomme ich jedes Mal aufs Neue Herzklopfen, so glücklich macht es mich.
Seit sieben Jahren arbeite ich in New York und bin mittlerweile die Hälfte des Jahres dort. Aber das Herz von St. Pauli, das ruft mich zurück – immer wieder und immer wieder. Ich kann St. Pauli nicht loslassen und möchte es auch nicht. St. Pauli ist meine Heimat. Der kleine Stadtteil am Hafen mein Anker.
Dabei komme ich nicht einmal aus Hamburg, sondern aus Stuttgart. Ich möchte nicht schlecht über Stuttgart sprechen, ich hatte auch eine gute Zeit in dieser Stadt, aber ich wusste schon als Kind, dass ich nicht in der Provinz bleiben werde. Zu Hause gefühlt habe ich mich dort nie. Nie. Nicht als Kind, nicht als Heranwachsende. St. Pauli hat mir das Zuhause gegeben, nach dem ich mich immer gesehnt habe.
Dieses Buch ist mein Geschenk an den Stadtteil, von dem ich so viel bekommen habe.
PAUL KRENKLER
DR. ANDREW SPANO ist Autor mehrerer Bücher der Psycholinguistik und Leiter des Verlages Atropos Press.
Er wuchs in New York City auf und lebt derzeit in Belgrad, Serbien.
Der Hollywood-Film Der Zauberer von Oz aus dem Jahr 1939 erzählt die Geschichte, wie sich Dorothy mit ihren Gefährten auf den Weg zum Zauberer von Oz macht. Ihre Begleiter sind der Blechmann, auf der Suche nach einem Herzen, die Vogelscheuche, auf der Suche nach einem Gehirn, und der ängstliche Löwe, auf der Suche nach Mut. Der Zauberer von Oz, auch „der Große und Mächtige“ genannt, ist derjenige, laut Einheimischen der Smaragdstadt, der Wünsche erfüllen kann. Dorothy will zurück nach Hause, nach Kansas. Alle vier können jedoch schlicht als obdachlos bezeichnet werden. Dorothys Zuhause ist von einem Tornado durch die Luft geschleudert worden. Die anderen drei scheinen immer dort zu schlafen, wo sich gerade eine Gelegenheit ergibt.
Als die vier schließlich bangend vor einem riesigen Altar stehen, jenem Altar des Großen und Mächtigen Oz, und seiner donnernden und eindrucksvollen Stimme lauschen, welche den Raum erfüllt, beißt Toto, Dorothys „kleiner Hund“, wie ihn die böse Hexe des Westens nennt, in den Zipfel eines dahinter hängenden Vorhangs und zieht diesen zurück. Dort steht ein kleiner, nervöser Mann, der nicht anders aussieht als ein zusammengeschrumpfter, altmodischer, betrügerischer, arglistiger Hochstapler. In dem Versuch, seinen Betrug zu vertuschen, dreht er sich um und sagt durch einen Lautsprecher, der seine Stimme erhaben und respekteinflößend klingen lässt: „Achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang!“
Aber es ist zu spät. Der Spuk ist vorbei. Dorothy und ihre Weggefährten haben das faule Spiel längst durchschaut.
Seit sieben Jahren bewundere ich die Fotografien von CP Krenkler, oder Paul, wie ich sie nenne, und wie ausdrucksstark die Gesichter derer sind, die sie in ihren überwältigenden Fotografien festgehalten hat. Es sind die Menschen des Hamburger Stadtteils St. Pauli und der dazugehörigen Reeperbahn. Menschen, die ihrer Rechte beraubt wurden. St. Pauli und die Reeperbahn, das ist das Land von Oz, die Smaragdstadt, nur in rotem Licht schillernd. So zeigen ihre Bilder Menschen mit tiefer Persönlichkeit, Menschen, die ihre Umgebung prägen und gleichzeitig von dieser geprägt werden, einer Umgebung, die von den einen als anrüchig und von den anderen als wundervoll empfunden wird. Ihre Bilder zeigen auch den anhaltenden Kampf, den diese Menschen führen, um ihr Leben mit den Gezeiten des sich wandelnden Zeitgeistes zu vereinbaren, der sie zu den Ausgestoßenen der Smaragdstadt macht, die sie doch lieben, weil sie sich ihr zugehörig fühlen konnten.
Nur wenige Fotografen haben wie Paul diese einzigartige künstlerische Vision und sind in der Lage dazu, den entscheidenden Schritt über die reine Dokumentation hinaus zu gehen: Diese Gesichter, diese Körper, diese Tätowierungen, diese Bars und diese Momente für immer lebendig werden zu lassen – in jenem Moment, als sie schon entschwanden. Sie war Teil all dessen, was sie fotografierte, aber sie hatte die wunderbare Fähigkeit, aus dem Geschehen herauszutreten, um uns zu zeigen, was ist und was war. Was sein wird, bleibt offen.
Das echte Phänomen heißt Finanzialisierung, und eben dieses zerstört nicht nur gewachsene Stadtteile
und die Menschen, die in ihnen leben, sondern weltweit ganze Nationen und Städte, unter Nichtbeachtung des Umstandes, dass Mensch und Umgebung zueinander gehören, ja, sie sich sogar verweben zu einem lebendigen Ganzen.
Es ist nicht nur ihre Fähigkeit, das Leben ihrer Freunde, Nachbarn und Bekanntschaften im berühmten und berüchtigten St. Pauli einzufangen und diese Zeit festzuhalten, die mich so sehr berührt hat. Ihre Arbeit fasziniert mich, weil ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre selbst zweimal Zeuge eben jener Entwicklungen wurde, die sie aufzeigt, und das in nicht geringem Ausmaß. In zwei Städten, die ebenso wichtig sind wie Hamburg: Boston und New York. Jener Prozess, der üblicherweise „Gentrifizierung“ genannt wird. Dieses Wort ist jedoch irreführend. Es hört sich an, als sei es ein natürlicher Vorgang, und … beinahe angenehm.
Warum? Hinter der Standhaftigkeit der Gebäude, in denen wir leben, und dem Boden, auf dem wir laufen, verbergen sich Finanzinstrumente, welche eben diese zu Spekulationsobjekten machen, damit mit ihnen auf dem globalen Finanzmarkt gezockt werden kann. Doch nicht nur das. In eben dieser Finanzwelt wird ebenso gespielt und spekuliert mit Medikamenten, die wir einnehmen, Mineralien, aus denen wir unsere Energie gewinnen, der Ernte, die uns ernährt. ALLES ist zu einem Spekulationsobjekt geworden, sogar das Wetter, die Ergebnisse demokratischer Wahlen und Fußballspiele. Die Welt ist zu einem einzigen, großen Glücksspielkasino geworden. Das einzige Problem ist, du musst zu den ganz großen Playern gehören, um hier mitspielen zu dürfen. Gehörst du nicht zu diesem kleinen elitären Kreis, bist du nicht mehr als ein Plastikchip auf dem Spieltisch, der am Ende des Abends in Geld getauscht werden wird.
Die Menschen, die du in Pauls Fotografien siehst, und vermutlich gehören du und ich auch dazu, sind eben jene Chips, die es gilt, zu Geld zu machen. Für diejenigen, die die Franzosen die „outré“, die Außenseiter, nennen, oder die Marx als Lumpenproletariat beschrieb, oder die ich als Bewohner des Rotlichtbezirkes der Smaragdstadt bezeichne, ist der „Chip-Wert“ jedoch negativ – diese Chips sind nur dann etwas wert, wenn sie aus dem Weg geschafft wurden. Dieses Buch ist eine Chronik dieser Säuberungen. Und du irrst dich, wenn du glaubst, nur weil du Teil der Mainstream-Kultur und keiner Randgruppe zugehörig bist, seist du hier ausgenommen von dem Lügen und Betrügen des Großen und Mächtigen Oz. Du bist als Nächstes an der Reihe – Genosse!
Woher ich das weiß? Nun, lass mich von meinen Erfahrungen erzählen.
1998 zog ich in Bostons Chinatown, in der Nähe des Hafens gelegen. Ich lebte in Boston seit 1978 immer wieder mit Unterbrechungen und lehrte an der Universität und an einigen Colleges. 1974 kam es in eben Bostons Chinatown zu Krawallen, weil sich die Menschen gegen das sogenannte „school bussing“ auflehnten – die Krawalle waren der Versuch, die faktische Segregation an den öffentlichen Schulen zu beenden –, wodurch Chinatown den Ruf der „Combat Zone“ (Kampfzone) bekam.
Aber dieser Stadtteil war noch viel mehr als das. Er war die Heimat der Ausgestoßenen und des Lumpenproletariats: Drogendealer, Prostituierte, Zuhälter, die aussahen, als kämen sie gerade aus dem Film Superfly, Underground-Techno-Partys, Künstler, Musiker, Spelunken, Transsexuelle, Transvestiten (wie sie damals genannt wurden), schwule Pornokinos, Mundwasser-Trinker, Heroinsüchtige, Erotikshops, Striptease-Lokale und zwei Obdachlosenheime. Eine heruntergekommene Gegend, in welcher all dies nahe beieinander lag.
Es barg eine gewisse Ironie, dass genau hier, inmitten von Porno, Peepshow und Sexshops, einst der „Liberty Tree“ stand, eine Ulme, an welcher die berühmte „Boston Tee Party“ ihren Anfang nahm, bei der sich die Kolonialisten das erste Mal gegen das Britische Empire auflehnten.
Ich lebte dort in meinem eigenen Land des Zauberers von Oz! Ich werde nicht erklären, warum ich es liebte, außer zu sagen, dass ich mich immer am wohlsten gefühlt habe, wenn ich in einer Umgebung mit Menschen lebte, die mir schienen, als seien sie wie ich. Ich habe meine Wohnung dort von einer Striptease-Tänzerin aus dem „Golden Slipper“ übernommen und wurde zu einem festen Bestandteil dieser magischen, NICHT aber tragischen Community.
Zur selben Zeit war ich Teil einer weiteren Community, just über die Brücke in Fort Point Channel. Queen Elizabeth II gehörten in dieser Gegend fast alle alten Gewerbegebäude, welche mittlerweile als Künstlerateliers genutzt wurden. Zwischen diesen beiden Orten fühlte sich mein Leben an wie ein Tornado, um dies an Dorothy anzulehnen. Ich lebte ein Leben zwischen Ausstellungseröffnungen, Partys, auf welchen ich bis zum Morgengrauen tanzte, fand faszinierende Freunde und Bekanntschaften, produzierte selbst Musik und Kunst. Der Umstand, dass all dies im Herzen von Chinatown passierte, machte diese Erfahrung absolut erhaben. Diese Zeit hat mich geprägt, ja transformiert, auf eine Art und Weise, wie ich es immer noch selbst versuche zu verstehen. Dafür, dass ich diese Zeit erleben durfte, werde ich für immer Dankbarkeit empfinden.
Doch dann wurde im September 2001 das World Trade Center in New York City von Al-Qaida-Dschihadisten angegriffen und zerstört. Obwohl unsere kleine Insel, die Reeperbahn von Boston, zweihundertfünfzig Kilometer von diesen Geschehnissen entfernt lag, hatten sie Auswirkungen auf uns: Die lokale und nationale Wirtschaft brach zusammen. Eine Zeitlang war ich der einzige Bewohner auf meiner Etage in einem 150 Jahre alten Gebäude in der Tyler Street. Was ich nicht wusste, war, dass die Welt, wie ich sie kannte, unter meinem Arsch verkauft wurde und zwar zu Preisen, die man in der Finanzbranche „fire sale“ (Ausverkauf) nennt, der Dank geht an Osama bin Laden und Konsorten. Nun wurde von der amerikanischen Regierung, und nicht nur von dieser, es passierte weltweit, fleißig Geld gedruckt. In Amerika nennt sich das „stimulus money“, also „Konjunktur-Geld”. Zur gleichen Zeit traten Amerikaner und Gleichgesinnte aller Herren Länder ihre Freiheiten an ihre Regierungen ab, um diese im Gegenzug um mehr nationale Sicherheit anzuflehen. Daraus folgte, dass das Lumpenproletariat, die Außenseiter, die Künstler gehen mussten. Ihr Lebensgefühl war nicht mehr erwünscht. Enter: Finanzialisierung.
Häuserblocks wurden plattgemacht. Obdachlose in die Randbezirke verdrängt. Die Zuhälter zogen mit ihren Frauen gen Süden. Pornoläden schlossen. Eine Bar nach der anderen gab auf. Eine Inflation der Immobilienwerte setzte ein, als die staatlichen Banken und Immobilienspekulanten Ziegel, Mörtel und Dreck zu Wertpapieren machten (in diesem Fall „mit dem Blut von Patrioten befleckt“), welche dann auf den globalen Hochrisikomärkten gehandelt wurden. Wolkenkratzer schossen aus dem Boden, wo einst kleine chinesische Restaurants standen. Mieten knallten durch die Decke und auch die Queen nutzte ihre royale Stellung und finanzialisierte (gentrifizierte) die einstigen Künstlerateliers. Alle Künstler wurden aus Fort Point Channel verdrängt, in andere Städte, Bundesstaaten, sogar Länder. Ein paar Wenige ausgenommen, die es sich leisten konnten, ihre Ateliers zu kaufen.
Es gab kaum jemanden, außer ein paar wenigen Chronisten wie Paul, die diese Zerstörung festhielten, den Niedergang dessen, was gut gewesen ist, substanzreich. Ja, diese Stadtteile hatten sogar für Jahrzehnte eine geringere Kriminalitätsrate als viele andere Teile der Stadt, die nichts von alledem hatten, über das ich schrieb, denen diese, ich nenne es kulturelle Institutionen, fehlten. Die Unangepassten müssen gehen! Zu allem Überfluss wurden wir angehalten: „Achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang!“ Wir mussten erleben, was es bedeutet, knapp vor der Obdachlosigkeit zu stehen, wo wir uns doch wenige Jahre zuvor noch sicher und zufrieden gefühlt hatten. Dies alles war Teil des Plans des Großen und Mächtigen Zauberers von Oz für die besseren Welt.
Schließlich war ich gezwungen zu fliehen … nach New York City. Ich fand dort einen Job und eine Wohnung in einem „Brownstone“, die für Brooklyn so typischen Reihenhäuser. In dem Viertel, in dem Chris Wallace, alias Notorious B.I.G., der Mann, der die Zehn Gebote des Cracks geschrieben hat, sich herumgetrieben hatte. Ich hatte das Gefühl, eine sanfte Landung genommen zu haben, befand ich mich doch wieder in einer Straße voller Freaks, Spinner, Drogendealer, Prostituierter, Exzentriker und einem neuen Ensemble von kreativen Außenseitern, wie ich es bin. Im Handumdrehen fand ich neue Freunde, die mein Leben lang blieben. Und wieder bestand das Herzstück meines Viertels aus einem reichen kulturellen Erbe, dieses Mal aus der afroamerikanischen Diaspora, der Karibik und Westafrika. Nun lebte ich statt zwischen zwei Obdachlosenheimen zwischen zwei Moscheen. Ich hatte das Gefühl, dass mir meine Flucht erfolgreich gelungen war, ja, dass ich meine Lebensumstände sogar etwas verbessert hatte.
So weit, so gut – nur, dann kam die globale Finanzkrise 1.0 von 2008. Was jetzt passierte, Genosse, all das gedruckte Geld, mit dem während des Ausverkaufs infolge des 11. September 2001 Chinatown und Hamburg und tausend andere Orte aufgekauft worden waren, um damit auf dem internationalen Finanzmarkt zu spielen, musste nun an die Banken ZURÜCKGEZAHLT WERDEN. Aber dahinter steckte kein reales Geld. Ich denke, den Rest dieser Geschichte kennst du nur zu gut, außer du hast zu dieser Zeit den Kopf ziemlich tief in den Sand gesteckt.
Ich schließe hier. Dieses Buch handelt von St. Pauli und der Reeperbahn im Bezirk Hamburg-Mitte, und nicht von Chinatown in Boston oder Bedford-Stuyvesant in Brooklyn. Dies ist ein Buch mit den grandiosen, bewegenden und triumphierenden und auch tragischen Fotografien von Paul, die genau das zeigen, worüber ich hier schreibe, nur woanders … an einem anderen Ort … DEINEM anderen Ort.
In dem Film sagt der Zauberer zu Dorothy, sie könne jederzeit nach Kansas zurückkehren, sie müsse nur die Augen schließen, dreimal die Absätze ihrer roten Schuhe zusammenschlagen und sagen: „Es gibt keinen Ort, der wie mein Zuhause ist!“, und sie würde auf zauberhafte Weise wieder dorthin zurückversetzt werden. Wir, die wir uns in der echten Welt befinden, wir, die an so eigensinnigen und besonderen Orten großartiger Städte gelebt und geliebt haben, welche geprägt wurden vom kulturellen und humanistischen Leben, und nicht von Bürotürmen, edlen Straßenzügen und Luxuswohnungen, haben keine magischen Schuhe. Wenn in all diesem eine Tragödie steckt, dann, dass wir in den Gesichtern der Bewohner St. Paulis erkennen können, dass sie VERWEGEN genug waren, in der Realität zu leben, während der Rest der Welt abdriftete in eine Scheinwelt der Gier, des Konsums, eingebildeter Angst, in der unüberwindbare Schulden regieren und politische Korruption.
Was bleibt uns, um all das real bleiben zu lassen? Was bleibt uns, wenn die Gezeiten unser Zuhause und das, was uns am Herzen liegt, für immer hinweggespült haben? Wir haben diese Fotografien. Sie sind ein Geschenk, ein Geschenk an die Vergangenheit und an die Zukunft, so dass wir nicht vergessen werden, wo wir herkommen und was es bedeutet, lediglich ein Mensch zu sein, wie die Menschen in Pauls Fotografien es für immer sein werden.
das ist meine Heimat. In Hamburg, da bin ich zu Haus. Der Hafen, die Lichter, die Sehnsucht begleiten das Schiff in die Ferne hinaus. Das Herz von St. Pauli, das ruft dich zurück. Denn dort an der Elbe, da wartet dein Glück.“
Wenn kurz vor Anpfiff fast 30.000 Menschen im Millerntor-Stadion gemeinsam das Lied von Hans Albers singen, dann bekomme ich jedes Mal aufs Neue Herzklopfen, so glücklich macht es mich.
Seit sieben Jahren arbeite ich in New York und bin mittlerweile die Hälfte des Jahres dort. Aber das Herz von St. Pauli, das ruft mich zurück – immer wieder und immer wieder. Ich kann St. Pauli nicht loslassen und möchte es auch nicht. St. Pauli ist meine Heimat. Der kleine Stadtteil am Hafen mein Anker.
Dabei komme ich nicht einmal aus Hamburg, sondern aus Stuttgart. Ich möchte nicht schlecht über Stuttgart sprechen, ich hatte auch eine gute Zeit in dieser Stadt, aber ich wusste schon als Kind, dass ich nicht in der Provinz bleiben werde. Zu Hause gefühlt habe ich mich dort nie. Nie. Nicht als Kind, nicht als Heranwachsende. St. Pauli hat mir das Zuhause gegeben, nach dem ich mich immer gesehnt habe.
Dieses Buch ist mein Geschenk an den Stadtteil, von dem ich so viel bekommen habe.
PAUL KRENKLER
DR. ANDREW SPANO ist Autor mehrerer Bücher der Psycholinguistik und Leiter des Verlages Atropos Press. Er wuchs in New York City auf und lebt derzeit in Belgrad, Serbien.
Der Hollywood-Film Der Zauberer von Oz aus dem Jahr 1939 erzählt die Geschichte, wie sich Dorothy mit ihren Gefährten auf den Weg zum Zauberer von Oz macht. Ihre Begleiter sind der Blechmann, auf der Suche nach einem Herzen, die Vogelscheuche, auf der Suche nach einem Gehirn, und der ängstliche Löwe, auf der Suche nach Mut. Der Zauberer von Oz, auch „der Große und Mächtige“ genannt, ist derjenige, laut Einheimischen der Smaragdstadt, der Wünsche erfüllen kann. Dorothy will zurück nach Hause, nach Kansas. Alle vier können jedoch schlicht als obdachlos bezeichnet werden. Dorothys Zuhause ist von einem Tornado durch die Luft geschleudert worden. Die anderen drei scheinen immer dort zu schlafen, wo sich gerade eine Gelegenheit ergibt.
Als die vier schließlich bangend vor einem riesigen Altar stehen, jenem Altar des Großen und Mächtigen Oz, und seiner donnernden und eindrucksvollen Stimme lauschen, welche den Raum erfüllt, beißt Toto, Dorothys „kleiner Hund“, wie ihn die böse Hexe des Westens nennt, in den Zipfel eines dahinter hängenden Vorhangs und zieht diesen zurück. Dort steht ein kleiner, nervöser Mann, der nicht anders aussieht als ein zusammengeschrumpfter, altmodischer, betrügerischer, arglistiger Hochstapler. In dem Versuch, seinen Betrug zu vertuschen, dreht er sich um und sagt durch einen Lautsprecher, der seine Stimme erhaben und respekteinflößend klingen lässt: „Achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang!“
Aber es ist zu spät. Der Spuk ist vorbei. Dorothy und ihre Weggefährten haben das faule Spiel längst durchschaut.
Seit sieben Jahren bewundere ich die Fotografien von CP Krenkler, oder Paul, wie ich sie nenne, und wie ausdrucksstark die Gesichter derer sind, die sie in ihren überwältigenden Fotografien festgehalten hat. Es sind die Menschen des Hamburger Stadtteils St. Pauli und der dazugehörigen Reeperbahn. Menschen, die ihrer Rechte beraubt wurden. St. Pauli und die Reeperbahn, das ist das Land von Oz, die Smaragdstadt, nur in rotem Licht schillernd. So zeigen ihre Bilder Menschen mit tiefer Persönlichkeit, Menschen, die ihre Umgebung prägen und gleichzeitig von dieser geprägt werden, einer Umgebung, die von den einen als anrüchig und von den anderen als wundervoll empfunden wird. Ihre Bilder zeigen auch den anhaltenden Kampf, den diese Menschen führen, um ihr Leben mit den Gezeiten des sich wandelnden Zeitgeistes zu vereinbaren, der sie zu den Ausgestoßenen der Smaragdstadt macht, die sie doch lieben, weil sie sich ihr zugehörig fühlen konnten.
Nur wenige Fotografen haben wie Paul diese einzigartige künstlerische Vision und sind in der Lage dazu, den entscheidenden Schritt über die reine Dokumentation hinaus zu gehen: Diese Gesichter, diese Körper, diese Tätowierungen, diese Bars und diese Momente für immer lebendig werden zu lassen – in jenem Moment, als sie schon entschwanden. Sie war Teil all dessen, was sie fotografierte, aber sie hatte die wunderbare Fähigkeit, aus dem Geschehen herauszutreten, um uns zu zeigen, was ist und was war. Was sein wird, bleibt offen.
Das echte Phänomen heißt Finanzialisierung, und eben dieses zerstört nicht nur gewachsene Stadtteile und die Menschen, die in ihnen leben, sondern weltweit ganze Nationen und Städte, unter Nichtbeachtung des Umstandes, dass Mensch und Umgebung zueinander gehören, ja, sie sich sogar verweben zu einem lebendigen Ganzen.
Es ist nicht nur ihre Fähigkeit, das Leben ihrer Freunde, Nachbarn und Bekanntschaften im berühmten und berüchtigten St. Pauli einzufangen und diese Zeit festzuhalten, die mich so sehr berührt hat. Ihre Arbeit fasziniert mich, weil ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre selbst zweimal Zeuge eben jener Entwicklungen wurde, die sie aufzeigt, und das in nicht geringem Ausmaß. In zwei Städten, die ebenso wichtig sind wie Hamburg: Boston und New York. Jener Prozess, der üblicherweise „Gentrifizierung“ genannt wird. Dieses Wort ist jedoch irreführend. Es hört sich an, als sei es ein natürlicher Vorgang, und … beinahe angenehm.
Warum? Hinter der Standhaftigkeit der Gebäude, in denen wir leben, und dem Boden, auf dem wir laufen, verbergen sich Finanzinstrumente, welche eben diese zu Spekulationsobjekten machen, damit mit ihnen auf dem globalen Finanzmarkt gezockt werden kann. Doch nicht nur das. In eben dieser Finanzwelt wird ebenso gespielt und spekuliert mit Medikamenten, die wir einnehmen, Mineralien, aus denen wir unsere Energie gewinnen, der Ernte, die uns ernährt. ALLES ist zu einem Spekulationsobjekt geworden, sogar das Wetter, die Ergebnisse demokratischer Wahlen und Fußballspiele. Die Welt ist zu einem einzigen, großen Glücksspielkasino geworden. Das einzige Problem ist, du musst zu den ganz großen Playern gehören, um hier mitspielen zu dürfen. Gehörst du nicht zu diesem kleinen elitären Kreis, bist du nicht mehr als ein Plastikchip auf dem Spieltisch, der am Ende des Abends in Geld getauscht werden wird.
Die Menschen, die du in Pauls Fotografien siehst, und vermutlich gehören du und ich auch dazu, sind eben jene Chips, die es gilt, zu Geld zu machen. Für diejenigen, die die Franzosen die „outré“, die Außenseiter, nennen, oder die Marx als Lumpenproletariat beschrieb, oder die ich als Bewohner des Rotlichtbezirkes der Smaragdstadt bezeichne, ist der „Chip-Wert“ jedoch negativ – diese Chips sind nur dann etwas wert, wenn sie aus dem Weg geschafft wurden. Dieses Buch ist eine Chronik dieser Säuberungen. Und du irrst dich, wenn du glaubst, nur weil du Teil der Mainstream-Kultur und keiner Randgruppe zugehörig bist, seist du hier ausgenommen von dem Lügen und Betrügen des Großen und Mächtigen Oz. Du bist als Nächstes an der Reihe – Genosse!
Woher ich das weiß? Nun, lass mich von meinen Erfahrungen erzählen.
1998 zog ich in Bostons Chinatown, in der Nähe des Hafens gelegen. Ich lebte in Boston seit 1978 immer wieder mit Unterbrechungen und lehrte an der Universität und an einigen Colleges. 1974 kam es in eben Bostons Chinatown zu Krawallen, weil sich die Menschen gegen das sogenannte „school bussing“ auflehnten – die Krawalle waren der Versuch, die faktische Segregation an den öffentlichen Schulen zu beenden –, wodurch Chinatown den Ruf der „Combat Zone“ (Kampfzone) bekam.
Aber dieser Stadtteil war noch viel mehr als das. Er war die Heimat der Ausgestoßenen und des Lumpenproletariats: Drogendealer, Prostituierte, Zuhälter, die aussahen, als kämen sie gerade aus dem Film Superfly, Underground-Techno-Partys, Künstler, Musiker, Spelunken, Transsexuelle, Transvestiten (wie sie damals genannt wurden), schwule Pornokinos, Mundwasser-Trinker, Heroinsüchtige, Erotikshops, Striptease-Lokale und zwei Obdachlosenheime. Eine heruntergekommene Gegend, in welcher all dies nahe beieinander lag.
Es barg eine gewisse Ironie, dass genau hier, inmitten von Porno, Peepshow und Sexshops, einst der „Liberty Tree“ stand, eine Ulme, an welcher die berühmte „Boston Tee Party“ ihren Anfang nahm, bei der sich die Kolonialisten das erste Mal gegen das Britische Empire auflehnten.
Ich lebte dort in meinem eigenen Land des Zauberers von Oz! Ich werde nicht erklären, warum ich es liebte, außer zu sagen, dass ich mich immer am wohlsten gefühlt habe, wenn ich in einer Umgebung mit Menschen lebte, die mir schienen, als seien sie wie ich. Ich habe meine Wohnung dort von einer Striptease-Tänzerin aus dem „Golden Slipper“ übernommen und wurde zu einem festen Bestandteil dieser magischen, NICHT aber tragischen Community.
Zur selben Zeit war ich Teil einer weiteren Community, just über die Brücke in Fort Point Channel. Queen Elizabeth II gehörten in dieser Gegend fast alle alten Gewerbegebäude, welche mittlerweile als Künstlerateliers genutzt wurden. Zwischen diesen beiden Orten fühlte sich mein Leben an wie ein Tornado, um dies an Dorothy anzulehnen. Ich lebte ein Leben zwischen Ausstellungseröffnungen, Partys, auf welchen ich bis zum Morgengrauen tanzte, fand faszinierende Freunde und Bekanntschaften, produzierte selbst Musik und Kunst. Der Umstand, dass all dies im Herzen von Chinatown passierte, machte diese Erfahrung absolut erhaben. Diese Zeit hat mich geprägt, ja transformiert, auf eine Art und Weise, wie ich es immer noch selbst versuche zu verstehen. Dafür, dass ich diese Zeit erleben durfte, werde ich für immer Dankbarkeit empfinden.
Doch dann wurde im September 2001 das World Trade Center in New York City von Al-Qaida-Dschihadisten angegriffen und zerstört. Obwohl unsere kleine Insel, die Reeperbahn von Boston, zweihundertfünfzig Kilometer von diesen Geschehnissen entfernt lag, hatten sie Auswirkungen auf uns: Die lokale und nationale Wirtschaft brach zusammen. Eine Zeitlang war ich der einzige Bewohner auf meiner Etage in einem 150 Jahre alten Gebäude in der Tyler Street. Was ich nicht wusste, war, dass die Welt, wie ich sie kannte, unter meinem Arsch verkauft wurde und zwar zu Preisen, die man in der Finanzbranche „fire sale“ (Ausverkauf) nennt, der Dank geht an Osama bin Laden und Konsorten. Nun wurde von der amerikanischen Regierung, und nicht nur von dieser, es passierte weltweit, fleißig Geld gedruckt. In Amerika nennt sich das „stimulus money“, also „Konjunktur-Geld”. Zur gleichen Zeit traten Amerikaner und Gleichgesinnte aller Herren Länder ihre Freiheiten an ihre Regierungen ab, um diese im Gegenzug um mehr nationale Sicherheit anzuflehen. Daraus folgte, dass das Lumpenproletariat, die Außenseiter, die Künstler gehen mussten. Ihr Lebensgefühl war nicht mehr erwünscht. Enter: Finanzialisierung.
Häuserblocks wurden plattgemacht. Obdachlose in die Randbezirke verdrängt. Die Zuhälter zogen mit ihren Frauen gen Süden. Pornoläden schlossen. Eine Bar nach der anderen gab auf. Eine Inflation der Immobilienwerte setzte ein, als die staatlichen Banken und Immobilienspekulanten Ziegel, Mörtel und Dreck zu Wertpapieren machten (in diesem Fall „mit dem Blut von Patrioten befleckt“), welche dann auf den globalen Hochrisikomärkten gehandelt wurden. Wolkenkratzer schossen aus dem Boden, wo einst kleine chinesische Restaurants standen. Mieten knallten durch die Decke und auch die Queen nutzte ihre royale Stellung und finanzialisierte (gentrifizierte) die einstigen Künstlerateliers. Alle Künstler wurden aus Fort Point Channel verdrängt, in andere Städte, Bundesstaaten, sogar Länder. Ein paar Wenige ausgenommen, die es sich leisten konnten, ihre Ateliers zu kaufen.
Es gab kaum jemanden, außer ein paar wenigen Chronisten wie Paul, die diese Zerstörung festhielten, den Niedergang dessen, was gut gewesen ist, substanzreich. Ja, diese Stadtteile hatten sogar für Jahrzehnte eine geringere Kriminalitätsrate als viele andere Teile der Stadt, die nichts von alledem hatten, über das ich schrieb, denen diese, ich nenne es kulturelle Institutionen, fehlten. Die Unangepassten müssen gehen! Zu allem Überfluss wurden wir angehalten: „Achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang!“ Wir mussten erleben, was es bedeutet, knapp vor der Obdachlosigkeit zu stehen, wo wir uns doch wenige Jahre zuvor noch sicher und zufrieden gefühlt hatten. Dies alles war Teil des Plans des Großen und Mächtigen Zauberers von Oz für die besseren Welt.
Schließlich war ich gezwungen zu fliehen … nach New York City. Ich fand dort einen Job und eine Wohnung in einem „Brownstone“, die für Brooklyn so typischen Reihenhäuser. In dem Viertel, in dem Chris Wallace, alias Notorious B.I.G., der Mann, der die Zehn Gebote des Cracks geschrieben hat, sich herumgetrieben hatte. Ich hatte das Gefühl, eine sanfte Landung genommen zu haben, befand ich mich doch wieder in einer Straße voller Freaks, Spinner, Drogendealer, Prostituierter, Exzentriker und einem neuen Ensemble von kreativen Außenseitern, wie ich es bin. Im Handumdrehen fand ich neue Freunde, die mein Leben lang blieben. Und wieder bestand das Herzstück meines Viertels aus einem reichen kulturellen Erbe, dieses Mal aus der afroamerikanischen Diaspora, der Karibik und Westafrika. Nun lebte ich statt zwischen zwei Obdachlosenheimen zwischen zwei Moscheen. Ich hatte das Gefühl, dass mir meine Flucht erfolgreich gelungen war, ja, dass ich meine Lebensumstände sogar etwas verbessert hatte.
So weit, so gut – nur, dann kam die globale Finanzkrise 1.0 von 2008. Was jetzt passierte, Genosse, all das gedruckte Geld, mit dem während des Ausverkaufs infolge des 11. September 2001 Chinatown und Hamburg und tausend andere Orte aufgekauft worden waren, um damit auf dem internationalen Finanzmarkt zu spielen, musste nun an die Banken ZURÜCKGEZAHLT WERDEN. Aber dahinter steckte kein reales Geld. Ich denke, den Rest dieser Geschichte kennst du nur zu gut, außer du hast zu dieser Zeit den Kopf ziemlich tief in den Sand gesteckt.
Ich schließe hier. Dieses Buch handelt von St. Pauli und der Reeperbahn im Bezirk Hamburg-Mitte, und nicht von Chinatown in Boston oder Bedford-Stuyvesant in Brooklyn. Dies ist ein Buch mit den grandiosen, bewegenden und triumphierenden und auch tragischen Fotografien von Paul, die genau das zeigen, worüber ich hier schreibe, nur woanders … an einem anderen Ort … DEINEM anderen Ort.
In dem Film sagt der Zauberer zu Dorothy, sie könne jederzeit nach Kansas zurückkehren, sie müsse nur die Augen schließen, dreimal die Absätze ihrer roten Schuhe zusammenschlagen und sagen: „Es gibt keinen Ort, der wie mein Zuhause ist!“, und sie würde auf zauberhafte Weise wieder dorthin zurückversetzt werden. Wir, die wir uns in der echten Welt befinden, wir, die an so eigensinnigen und besonderen Orten großartiger Städte gelebt und geliebt haben, welche geprägt wurden vom kulturellen und humanistischen Leben, und nicht von Bürotürmen, edlen Straßenzügen und Luxuswohnungen, haben keine magischen Schuhe. Wenn in all diesem eine Tragödie steckt, dann, dass wir in den Gesichtern der Bewohner St. Paulis erkennen können, dass sie VERWEGEN genug waren, in der Realität zu leben, während der Rest der Welt abdriftete in eine Scheinwelt der Gier, des Konsums, eingebildeter Angst, in der unüberwindbare Schulden regieren und politische Korruption.
Was bleibt uns, um all das real bleiben zu lassen? Was bleibt uns, wenn die Gezeiten unser Zuhause und das, was uns am Herzen liegt, für immer hinweggespült haben? Wir haben diese Fotografien. Sie sind ein Geschenk, ein Geschenk an die Vergangenheit und an die Zukunft, so dass wir nicht vergessen werden, wo wir herkommen und was es bedeutet, lediglich ein Mensch zu sein, wie die Menschen in Pauls Fotografien es für immer sein werden.